Alkoholprävention mit geistig behinderten jungen Erwachsenen

Allgemein:

Die Integration von Menschen mit Behinderungen sowohl in einen Arbeitsprozess als auch  in gemeinwesenorientierte wirtschaftlich sinnvoller Arbeit ist Anliegen unserer Gesellschaft. Zur Ausgestaltung sind jedoch auf die Adressaten zugeschnittene Angebote und Maßnahmen erforderlich. Da Menschen mit Behinderungen in ihrem Lebensumfeld dabei auch mit negativen Einflüssen konfrontiert werden, sind sie ebenso in die Präventionsangebote einzubeziehen, wie alle jungen Menschen. Zu beachten ist dabei, dass bei der Durchführung der Präventionsarbeit andere Methoden zu Anwendung kommen müssen, die wesentlich differenzierter zu gestalten sind.

Die Stadt Dessau-Roßlau hat mit der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) der „Lebenshilfe für geistig Behinderte Rotall“ e.V. eine Angebotsreihe gegen Alkoholsucht begonnen. Ausgangspunkt hierfür war die Feststellung, dass dem Alkoholkonsum bei diesen Menschen eine große Rolle zukommt bzw. frühzeitig auf Missbrauch reagiert werden muss.

In der geschützten Werkstatt arbeiten über 220 geistig behinderte Menschen, die nicht auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt vermittelbar sind. Zu Beginn der Rehabilitationsmaßnahme durchlaufen alle Rehabilitanden eine 2¼ Jahre dauernde betriebsinterne Ausbildung im Berufsbildungsbereich (BBB), wo die schrittweise Einführung in Arbeitsabläufe und in die betriebliche Ordnung erfolgt. Zugleich sollen im Berufsbildungsbereich das Selbstwertgefühl des Betreuten und die Entwicklung des Sozial- und Arbeitsverhaltens (Schlüsselqualifikationen) gefördert sowie Schwerpunkte der Neigung festgestellt werden.

Das Arbeitsumfeld soll über die Tagestrukturierung hinaus die Kommunikation untereinander und mit Dritten fördern, das Erleben und die Entwicklung von Anforderungen steigern bzw. Mitwirkungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten vorsehen.

Einige der behinderten Mitarbeiter wohnen im häuslichen Milieu  oder allein in eigener Wohnung, andere in den der WfbM angegliederten Wohnheimen.  Im Bereich Wohnen sollen die jungen Menschen durch die pädagogischen Mitarbeiter zu einer zunehmenden Selbständigkeit und Selbststeuerungskompetenz befähigt werden. Außerdem gibt das Wohnheimpersonal den Bewohnern individuelle Hilfen bei der persönlichen Lebensgestaltung, fördert das Sozialverhalten innerhalb der Einrichtung, vermittelt Außenkontakte und Umwelterfahrungen bzw. unterstützt bei der Freizeitgestaltung.

Vor allem an den Schnittstellen Werkstatt/ Privater Wohnbereich oder Werkstatt/ Wohnheim kommt es zur Berührung mit legalen Rauschmitteln.

Gründe für Alkoholprävention:

Folgende Gründe waren ausschlaggebend dafür, warum wir uns für die Durchführung eines   Suchtpräventionsprojektes entschieden haben:

  • Alkohol ist ein gesamtgesellschaftliches Thema und macht auch vor Menschen mit geistiger Behinderung nicht halt.
  • Stärkere psychosoziale Belastungen und geringeres Selbstbewusstsein sind vorhanden durch mangelnde positive Erfahrungen.
  • Persönliche Kompetenzen und Ressourcen sind aufgrund der intellektuellen, emotionalen, sozialen, kommunikativen und motorischen Defizite eingeschränkt.
  • Höhere Beeinflussbarkeit, durch die Werbung und durch die negative Modellwirkung von z.B. trinkfreudigen Stammkunden vor der Kaufhalle, gepaart mit dem Wunsch nach Zugehörigkeit und Anerkennung.
  • Eingeschränkte Fähigkeiten zur aktiven Gestaltung der Freizeit, daher oft Rückgriff auf Fernsehunterhaltung und Genussmittel.
  • Soziale Kontrolle z.B. über die Zuteilung von Taschengeld schützt einerseits vor exzessivem Genussmittelkonsum, verhindert gleichzeitig das Lernen eines selbstbestimmten, verantwortungsvollen Umgangs mit Genussmitteln.
  • Schwierigkeiten beim Erfassen von Problemsituationen und der Generierung von Lösungswegen; begrenztes Wissen und Fertigkeiten zur Entspannung und zur Stressbewältigung.

Leider gibt es kaum Präventionsangebote oder Bildungsangebote für Menschen mit einer geistigen Behinderung, daher begannen wir, mit sehr einfachen und  interaktiven Vortragsreihen.

Ziele:

Die Ziele unseres Ansatzes waren:

  • Die Reduzierung des Alkoholkonsums bzw. Vermeidung von Alkoholkonsum bei gleichzeitiger Einnahme von Medikamenten.
  • Die Sensibilisierung der Mitarbeiter in den Berufsbereichen und des Wohnheimes zum Umgang mit Alkohol bei Menschen mit Behinderungen.

Methoden und Materialien:

Dabei kamen folgende Methoden und Materialien zum Einsatz:

  • Suchtsackspiel (Sack mit Gegenständen, die mit Sucht zu tun haben)
  • Vorlagen aus dem Programm Allgemeine Lebensförderung ALF
  • Videos (Kommerzielle und selbstgedrehte von Jugendgruppen)
  • Entspannungsspiele mit Massagebällen
  • Sinneswahrnehmungsspiele (Geruchsparcours, Alkohol-Brillen)
  • Alkoholfreie Cocktailbar
  • Selbstgebastelte Materialien z.B. Smileys, Flaschen

Die Maßnahmen zur Präventionsarbeit sollten ganzheitlich auch folgende  Themen des alltäglichen Lebens beeinflussen:

1. Gesunde Ernährung:

Anregung zum Nachdenken über einen gesundheitsbewussten Lebensstils, dazu gehören auf die Beschäftigten zugeschnittene Mitarbeiterweiterbildungen zum Thema ‚Gesunde Ernährung’, gemeinsame Zubereitung eines gesunden Frühstücks; abwechselungsreiche Kantinenkost;…

2. Sport und Bewegung:

Förderung der Körperwahrnehmung und Spannungsreduktion sowie Steigerung des physischen und psychischen Wohlbefindens, zur Vermittlung selbstwertrelevanter Erfolgserlebnisse.

3. Freizeitgestaltung:

Erlernen verschiedener Möglichkeiten der Freizeitgestaltung vom Basteln bis zu Konzentrationsspielen (Sudoku); diverse Unterhaltungsangebote in WfbM und Wohnheim wie z.B. eine Tanzgruppe, gemeinsames Singen, Feiern.

4. Soziale Kompetenzen:

Erlernen nicht-schädigender Wege der Stressbewältigung z.B. Vermittlung von Entspannungstechniken; Gesprächsangebote des begleitenden Dienstes (Sozialarbeiterin, Psychologin, Heilpädagogin).
Antiaggressionstraining  zur Problem- und Konfliktlösung, aber auch zur Abgrenzung und Durchsetzung; Rollen- und Gemeinschaftsaufgaben; Einzeltraining und Beratung. Förderung des Selbstbewusstsein durch Betonung der Stärken, Talente und Potentiale. Umgang mit Kritik lernen sowie Anregungen zur Selbsthilfe finden; dazu gehört auch das Erkennen eigener Schwächen und die Toleranz gegenüber anderen Kollegen.

Reaktive Maßnahmen, wenn ein problematischer Konsum erkennbar wird:

Sollte dennoch ein problematischer Konsum bei den jungen Menschen erkennbar sein, sind  folgende reaktive Maßnahmen vorgesehen:

  • Teamsitzungen
  • Vernetzungsarbeit, Kooperation und Hilfeplan-Gespräche mit allen „Unterstützern“ und dem Betroffenen
  • Einzelgespräche
  • Vermittlung an externe Hilfsstellen (Problem: die örtlichen Suchtberatungsstellen sind nicht auf das Klientel geistig behinderter Menschen zugeschnitten.)
  • Verstärkung der sozialen Kontrolle z.B. durch die Zuteilung des Geldes, wenn Fähigkeiten zur Selbstkontrolle zu stark eingeschränkt sind

Ausblick:

Zukünftig planen wir dauerhaft folgende gemeinsame Angebote:

  • Training in den Gruppen: Selbstbehauptungstraining, Problemlösungstraining, Training sozialer Kompetenzen, Entspannungstraining.
  • Psychoedukativer Methoden: Interaktive Präventionsangebote, Inhouse-Weiterbildungen der Betreuer, Präsentation der Arbeiten, um weitere Mitarbeiter für das Thema zu interessieren.

Welche Laufzeit hat das Projekt?: 
bis zu 2 Jahre
mehr als zwei Jahre (aber befristet)
Dauerangebot
Wie lange ist die Finanzierung des Projektes gesichert?: 
offen
bis zu zwei Jahre
dauerhaft
Wird das Projekt in seiner Qualität und Zielerreichung überprüft und bewertet bzw. evaluiert?: 
ja
geplant
nein